Home > Publications > Eine Skidurchquerung der Extraklasse – die Engadina
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Auf sechs Etappen führte uns die Engadina vom Julierpass bis Zernez quer durch die Albulaalpen. Auf diesem eindrucksvollen Weg boten sich eine ganze Reihe interessanter Dreitausender an, von denen wir die meisten mit Ski besteigen konnten.
Bei strahlend blauem Himmel starteten wir am Julierpass ins weite Val D´Agnel zur Fuorcla d`Agnel, von der aus nach kurzer Abfahrt die Überschreitung des ersten Dreitausenders erfolgte, die Tschima Flix, 3.316 m hoch. Trotz schwerem Gepäck und anstrengender Höhe ließen wir uns den direkt gegenüber aufragenden Piz Calderas nicht entgehen, der mit seinen 3.397 m ebenfalls zu den höchsten Albulagipfel gehört und einen atemberaubenden Blick auf die umliegenden Berge unter anderem zum Piz Bernina und Piz Palü ermöglicht. Eine tolle Licht-Schatten-Stimmung bot sich dann bei der Abfahrt zur ersten Herberge, der Jenatschhütte.
Am Morgen des zweiten Tages kündigte sich das schlechte Wetter schneller als erhofft an und wir erreichten die Fuorcla Mulix dank einer bereits angelegten Spur problemlos. Die 1.250 Hm-Abfahrt zum kleinen Almdorf Naz gab mit zunehmender Sicht einen ersten Vorgeschmack auf die grandiosen Abfahrten der nächsten Tage. Nach einem kurzen Fußmarsch nach Preda gings mit der Räthischen Bahn ins romantische Bergdorf Bergün, das mit seinen historischen Häusern ein ganz besonderes Flair ausstrahlt. Diese Strecke gilt als der interessante Abschnitt der Räthischen Bahn überhaupt. Mit mehreren als Kreisel ausgebildeten Tunnels überwindet die Bahn dabei die ca. 400 Hm bis zur Tunneleinfahrt in Preda und wechselt dabei vier Mal die Talseite, eine architektonische Meisterleistung, die auch im Bahnmuseum in Bergün dokumentiert ist. Mit einer Zusatztour am Nachmittag kamen wie am ersten Tag wieder ca. 1.650 Hm zusammen.
Am dritten Tag starteten wir bei Schneefall und winterlichen Verhältnissen in Bergün und fuhren wieder mit der Bahn hinauf nach Preda, wo der lange Marsch zum Albulapass begann. Die ursprünglich geplante Strecke über die Tschimas da Tisch scheiterte an den schlechten Sichtverhältnissen. Der als Notlösung gedachte Albulapass erwies sich mit zunehmender Wetterbesserung als großartiges Erlebnis. Mehr und mehr schob sich der Wolkenvorhang auf und gab den Blick frei auf eine unglaublich weite, tief verschneite Winterlandschaft. Auf dem Weg zum nächsten Etappenziel, der einfachen aber sehr gemütlichen Es-chahütte, galt es einen Höhenrücken zu überwinden, der aufgrund seiner steilen Hänge und Einwehungen ein höchstes Maß an Vorsicht erforderte. Die anschließende Pulverschneeabfahrt durch eine völlig unberührtes Kar belohnte uns dann vollauf für die lange Etappe mit ca. 1.600 Hm.
Beim Start am vierten Tag machte der äußerst gastfreundliche Wirt der Es-chahütte, Michel Anring, der die Hütte meist allein bewirtschaftet, noch ein Gruppenfoto von uns. Bei idealen Wetter- und Schneebedingungen konnten wir zur Königsetappe starten. Schnell tat sich nach Überwindung der Porta d`Es-cha ein eindrucksvoller Blick auf zum 3.418 m hohen Piz Kesch, dem höchsten Gipfel der Albulaalpen. Der Anstieg erforderte ab dem Skidepot absolute Trittsicherheit in kombiniertem Schnee- und Felsgelände. Unterstützt durch Sicherungsseile erreichten 10 Mitglieder unserer Gruppe den Gipfel, was neben dem geografischen Höhepunkt der Tourenwoche auch bergsteigerisch ein absolutes Highlight darstellte. Nach einem langen und sehr eindrucksvollen Tag wurden wir herzlich an der Keschhütte vom sehr fürsorglichen Hüttenwirt Reto Barblan empfangen. Auf der vergleichsweise modernen und komfortablen Keschhütte fühlten wir uns auch wegen der großen Gastfreundschaft der Wirtsleute außerordentlich wohl.
Am fünften Tag folgte eine lange Abfahrt ins eindrucksvolle Val Funtauna. Nach anfänglichem dichten Nebel lichtete sich dieser und gab immer mehr den Blick frei in das gewaltige Hochkar, das zur Fuorcla Vallorgia auf 2.969 m hinaufführt. Beim Anstieg zum 3.067 m hohen Scalettahorn hüllte uns leider der Nebel wieder komplett ein, so dass wir unmittelbar unterhalb des Gipfels die lohnende Abfahrt über das Vadret da Grialetsch zur gleichnamigen Hütte antraten.
Am sechsten und letzten Tag unserer Durchquerung blieb dann leider das vom Schweizer Wetterbericht angekündigte, schöne Wetter aus und wir müssten immer wieder das GPS zu Hilfe nehmen um den Weg zur Fuorcla Sarsura und zum 3.175 m hohen Piz Sarsura zu finden. Auf der hindernislosen Superabfahrt über 1.700 Hm ins Val Sarsura besserte sich dann mit jedem Höhenmeter die Sicht und wir konnten Schwung für Schwung den erneut über Nacht gefallenen, frischen Pulverschnee in vollen Zügen genießen. Neben der Abfahrt ins Val Mulix war das Val Sarsura die zweite Traumabfahrt der Engadina, die einer perfekten Skidurchquerung quer durch die Albulaberge das „Sahnehäubchen“ aufsetzten. Unvergessen werden unserer hervorragenden harmonierenden Skitourengruppe vor allem auch die atemberaubenden Landschaften der Engadiner Berge bleiben, deren Pracht und Schönheit ein ums andere Mal durch die wechselnden Wetterstimmungen hervorgehoben wurden.

Bericht: Franz Röckenwagner

Bilder: Norbert Knuhr, Christian Bachmeier