Home > Publications > Im Antlitz der Eisriesen – eine grandiose Mountainbiketour vom Mont Blanc zum Matterhorn
2019_07_21_MTB Haute Route-289

Sieben Mountainbiker der Alpenvereinssektion Tittmoning radelten an sechs Tagen bei optimalen Wetterverhältnissen  von Chamonix nach Zermatt und überwanden dabei zahlreiche hohe Übergänge, darunter die beiden höchsten Alpenpässe, die laut Achim Zahn mit dem Mountainbike bewältigt werden können, das Colle Loson und den Theodulpass. In Anlehnung an die berühmteste Skitour der Alpen nannte der bekannte Mountainbikeautor diese Tour „Haute Route“ und er übertreibt dabei keineswegs. Die Bergradler der DAV-Sektion Tittmoning, auch Bergbeisser genannt, erlebten eine Landschaft geprägt von wilder Schönheit umrandet von den höchsten Alpengipfeln. Auf geschichtsträchtigen Wegen führt die Haute Route vorbei an Mont Blanc, Grand Combin, Gran Paradiso, Matterhorn und Monte Rosa über Fels und Eis durch ein Meer von Alpenblumen und alpinen Pflanzen.

Die Anfahrt mit dem Glacierexpress von Visp über Martigny und Argentiere nach Chamonix war nicht ganz billig aber ein tolles Erlebnis.

Im Angesicht des gewaltigen Mont Blanc Gletscher  stellte sich auf der ersten Etappe das Col de Balme mit seinen steilen Schotterrampen in den Weg der Tittmoninger Bergradler. Bei der Abfahrt vom 2.191 m hohen Grenzpass zwischen Frankreich und der Schweiz waren die Mühen der Auffahrt jedoch schnell vergessen, die kurvenreiche Trailabfahrt der Extraklasse über 1.000 Höhenmeter (Hm) in den Gletschergraben von Trient entschädigte vollauf.

Ein absolutes Highlight der Tour erlebten die Tittmoninger Mountainbiker dann am zweiten Tourentag bei der Auffahrt zum Lac de Mauvioisin. Der gewaltige blaugrüne Stausee wird gespeist über Zulaufstollen der umliegenden Bergflanken. Die abenteuerliche Werkstraße führte die Gruppe durch Tunnels bergwärts und gab immer wieder atemberaubende Blicke auf den Stausee und seine Zuläufe frei. Erst ganz am Talende begann der Hochgebirgstrail zum Fenetre de Durand, der die Tittmoninger Gruppe vorbei am Grand Combin in einer Höhe von 2.797 m hinüber ins italienische Aostatal führte.

Die wohl größte Herausforderung der Tourenwoche stand am dritten Tourentag auf dem Programm. Vom 580 m hoch gelegenen Städtchen Villeneuve im Aostatal führte anfangs eine komfortable Passstraße und später ein Karrenweg hinauf zum 3.299 m hohen Col de Losen im Nationalpark Gran Paradiso gelegen. Die 2.700 Hm-Auffahrt mit einer abschließenden Schiebepassage über ein verblocktes Geröllfeld verlangte den Mountainbikern aus dem Salzachtal alles ab. Atemberaubend führte dann die Route auf dem königlichen Reitweg von Vittorio Emanuele II., dem Mitbegründer des Nationalparks Gran Paradiso hinüber ins Valnontey, wo bereits nach kurzer Zeit ein perfekter Trail hinunter führte zum Rifugio Sella Vittorio, wo eine willkommene Einkehrpause auf die durstigen Radler wartete. Der anspruchsvolle Trail hinunter nach Cogne, dem Zielpunkt des dritten Tourentages, erforderte nochmals höchste Konzentration nach einem langen und anstrengenden Tourentag.

In die sehr entlegene aber landschaftlich sehr reizvolle Gegend um das Col di Pontonnet führte die Haute Route die Tittmoninger Mountainbiker am vierten Tourentag. Der 2.897 m hohe Übergang eröffnete nochmals tiefe Einblicke in die wilde und einsame Landschaft des Nationalparks mit unzähligen Blumen und Schmetterlingen. Nach einigen Schiebepassagen durch ein wegloses Schrofenfeld begann der rasante Sinkflug hinunter ins Aostatal mit dem Zielort Saint Vincent, dem mit 575 m am tiefsten gelegenen Übernachtungsort der Tourenwoche.

Folglich stand am fünften Tourentag erneut eine lange Auffahrt bevor, die sportliche Gruppe radelte jedoch voller Elan auf der angenehm ansteigenden Asphaltstraße zum 1.645 m hohen Col St. Pantaleone hinauf, wo zur Überraschung aller bereits die imposante Felsgestalt des Matterhorns in der Ferne sichtbar wurde. Über die malerische Landschaft der Alpe Cignana radelten die Tittmoninger Mountainbiker stetig bergwärts vorbei an den schwarzgrauen Wandfluchten der Punta di Tzan und langsam öffnete sich der Blick auf die weiteren Viertausender Breithorn, Castor und Pollux in der Monte- Rosa-Gruppe. Gestärkt durch eine Einkehrpause im außerordentlich reizvoll gelegenen Rifugio Jean Barmasse konnte auch die 2.445 m hohe Finestra Cignana überwunden werden, wo ein schwieriger Trail mit einigen Schiebepassagen talwärts hinunter zum nächsten Etappenziel Breuil Cervinia führte.

Durch die 2.450 m-Auffahrt am Vortag hatten sich die Tittmoninger Mountainbiker im 2.000m hoch gelegenen Gletscherskiort eine gute Ausgangsposition für den sechsten und letzten Tourentag erarbeitet. An diesem Tag galt es, den 3.317 m hohen Theodulpass mit einer längeren Gletscherpassage zu überwinden und so den Alpenhauptkamm wieder nach Norden zu überschreiten. Ein früher Aufbruch war an diesem Tag erforderlich, zumal der Wetterbericht erstmals etwas wechselhaftes Wetter gemeldet hatte. Nur noch gelegentlich ließ sich auf den steilen Jeeppisten hinauf ins Skigebiet noch die alte Walserroute erahnen, die bereits im 13. Jahrhundert als Weg über den Alpenhauptkamm genutzt wurde. Nicht nur die steile Auffahrt sondern auch die imposant aufragende Felsgestalt des Matterhorns raubte den Bergradlern immer wieder den Atem und auch die zunehmende Höhe tat ihr Übriges dazu. Nachdem das Wetter noch bis Mittag hielt, erwartete die Bergbeisser am Theodulgletscher noch ganz passable Verhältnisse mit guter Sicht und immer wieder mal auch Sonnenschein. So blieb auch noch Zeit für eine gemütliche Einkehr im Rifugio Theodulo direkt an der Passhöhe. Nach dem obligatorischen „Passfoto“ wartete dann die Gletscherpassage auf die Radler aus dem Salzachtal. Überraschend fanden die Stollenreifen guten Halt auf der harschigen Oberfläche des Gletschers, so dass aus der befürchteten Schiebepassage eine zügige Abfahrt auf ungewohntem Gletscherterrain wurde und die Seilbahnstation „Trockener Steg“ bald erreicht werden konnte. Auch den folgenden 1.400 Hm-Trail der Extraklasse nach Zermatt hinunter konnte die Gruppe noch bei trockenen Verhältnissen genießen. Dass man dann auf dem letzten Asphaltabschnitt bis Visp erstmals nass wurde, schmälerte die wunderschönen Erinnerungen an eine perfekte Tourenwoche mit 399 km und 12.100 Hm keineswegs.

Bericht: Franz Röckenwagner

Fotos: Norbert Knuhr und Franz Röckenwagner